Kompetenz, Unternehmen

Ein Schweizer Krokodil in Kalifornien

Ein kleiner Betrieb aus Stein am Rhein baut Lokomotiven und Züge für die ganze Welt. Einer davon rollt neuerdings durch amerikanische Weinstöcke. Hoffentlich kommt dort niemand auf die Idee, den Hersteller zu verklagen.

Solange man nicht selbst betroffen ist, kann man über die Nachrichten von skurrilen Gerichtsurteilen in den USA gut schmunzeln. Wie über den Mann, der während einer Fahrt das Steuer seines Campers verliess, um sich Kaffee zu kochen. Das Fahrzeug kam währenddessen von der Strasse ab – aber davor war in der Bedienungsanleitung nicht gewarnt worden. Der Fahrer bekam vom Hersteller Schadenersatz in Millionenhöhe und einen neuen Camper. Diese und ähnliche Fälle erklären die teilweise unsinnigen Warnhinweise auf Produkten in den USA, zum Beispiel der Hinweis, das Kind vor dem Zusammenfalten des Kinderwagens herauszunehmen.

Unternehmerisches Risiko

Ob Charles Ball in der Bedienungsanleitung der von seiner Firma gebauten Miniatur-Lokomotive darauf hingewiesen hat, dass der Zug aus Metall ist und man sich daran stossen könnte? «Nein», lacht der gelernte Werkzeugmacher und passionierte Zugbauer. «Aber man weiss schon nicht so genau, worauf man sich einlässt, wenn man mit einem amerikanischen Unternehmen geschäftet», gesteht Charles Ball. Die Anfrage zum Bau einer Lokomotive für ein kalifornisches Weingut flatterte ihm im Dezember 2015 ins Haus, und ihm schwante schnell, dass das der grösste Einzelauftrag in der 39-jährigen Geschichte der von seinem Vater gegründeten Firma sein würde. Über ein ganzes Jahr hat er sein Herzblut in das Projekt gesteckt und gemeinsam mit dem Polymechaniker der Firma die Lok gebaut. Der Verkaufspreis entspricht einem Jahresumsatz – und damit einem sehr hohen Einsatz der kleinen Firma aus Stein am Rhein.

Ausreichende Betriebshaftpflicht

Charles Ball hat schon viele Loks und Züge ins Ausland exportiert, aber noch nie in die USA. «Was da alles auf mich zukam an Papierkram, hatte ich nicht geahnt », sagt er heute und erinnert sich an schlaflose Nächte in Sorge um die rechtlichen Fragen. Früh im Verhandlungsprozess zog er deshalb einen Anwalt hinzu, der auf Haftungsfragen in den USA und Kanada spezialisiert ist. Ebenfalls involvierte Charles Ball seinen Versicherungsberater Beat Furger von der AXA Winterthur in Stein am Rhein. Der wiederum arbeitete gemeinsam mit einer Risk Managerin der AXA Winterthur die erweiterte Deckung der Betriebshaftpflicht für die Firma Balson aus. Das amerikanische Recht ist eh schon ein Minenfeld, doch bei Fahrzeugen und Schienenfahrzeugen ist die Gesetzgebung in den USA besonders heikel. Was dazu geführt hat, dass die Versicherungssumme auf der Police im zweistelligen Millionenbereich liegt. «Das braucht es aber auch, denn wenn man etwas in die USA liefert, sind die Folgen einfach nicht abschätzbar», sagt Charles Ball, der bei dieser Produktion eigens spezielle Firmen für die Berechnungen der Kurvenstabilität und die Bremstests beauftragt hat.

Zufriedener Kunde

Bis jetzt sind noch keine Klagen aus den USA nach Stein am Rhein gedrungen. Charles Ball hofft, dass das auch so bleibt. Das braune Krokodil rollt seit August 30 bis 40 Besucher über eine vier Kilometer lange Gleisanlage durch die 280 Hektar des Weinguts der «Halter Ranch». Der Kunde ist zufrieden und hat schon eine neue Idee an Charles Ball herangetragen: Er möchte noch eine Dampflokomotive mit vier Salonwaggons, ebenfalls ein Nachbau der Rhätischen Bahn, die nostalgisch und weithin sichtbar dampfend durchs California Central Coast Wine Country tuckern soll. In rund zwei Jahren dürfte der Zug fertig sein, schätzt Charles Ball.

 

(Artikel erschien in «Meine Firma», dem KMU-Magazin der AXA)

Die Firma Balson

Die Balson AG wurde 1978 von Charles Ball senior gegründet. Gleich nach seiner Ausbildung als Werkzeugmacher stieg Sohn Charles Ball junior 1978 in den väterlichen Betrieb ein, und gemeinsam bauten sie seither über 200 authentische Lokomotiven und Waggons in Miniaturformat, die in der Schweiz und in vielen Ländern Europas im Einsatz sind. Heute ist die Firma als AG aufgestellt; Inhaber sind Charles Ball, seine Schwester Verena und seine Frau Katharina. Zudem beschäftigt die Firma einen Polymechaniker.

www.balson.ch

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