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Feuer sucht sich seinen Weg

Brennende Bestandteile von Kühlwasser frassen sich durch den Boden ins Materiallager im Keller unter der Produktionshalle der Rotor Lips AG. In diesem Moment hatten die Flammen gesiegt.

Um elf Uhr am Vormittag schrillten die Alarmglocken in der Halle und im Bürogebäude der Firma Rotor Lips; das Signal war weithin auf den Feldern rund um Uetendorf zu hören. Ein Mitarbeiter hatte geistesgegenwärtig den Handalarm ausgelöst, als jemand aus der Produktion ins Büro gelaufen kam und rief: «es brennt.» «Von da an ging alles rasend schnell, wir waren plötzlich mitten in einem Actionfilm», erinnert sich Geschäftsführer Heinz Mühlematter an den Tag, der die ganze Firma verändern sollte.

Rettungskräfte rasch vor Ort

In der Halle, wo rund 20 Mitarbeitende die Motoren und Küchengeräte der Firma Rotor Lips herstellen, war beim Schweissen ein Brand ausgebrochen, der sich rasch ausbreitete und von den Mitarbeitenden nicht gelöscht werden konnte. Der Handalarm, der direkt zu Polizei und Feuerwehr geht, sorgte dafür, dass die Rettungskräfte nach wenigen Minuten auf dem Firmengelände waren. Der Brand im Erdgeschoss war bald unter Kontrolle, doch dann stellte sich heraus, dass die Kühlflüssigkeit einer Maschine – ein Gemisch aus Öl und Wasser – durch den Boden gedrungen war und das Feuer in das Materiallager im Keller geleitet hatte. Dort gab der Verpackungskarton den Flammen mehr als genügend Zunder, und so kehrte das gut genährte Feuer an einer anderen Stelle ins Erdgeschoss zurück.

«Von aussen sahen wir nur dichte, schwarze Rauchwolken, die aus der Gebäudehülle quollen», erzählt Ulrich Mühlematter, der Bruder des Geschäftsführers und ebenfalls Mitglied der Geschäftsleitung. Er war auf dem Sammelplatz in heller Aufregung dabei herauszufinden, ob alle Mitarbeitenden in Sicherheit waren. «In so einer Stresssituation sofort zusammenzukriegen, wie viele Leute tatsächlich im Gebäude waren, wer im Aussendienst unterwegs ist, wer Ferien hat oder Überstunden abbaut, ist fast unmöglich», sagt er. Ein Mitarbeiter wurde vermisst, bis sich herausstellte, dass dieser beim Brand kurzerhand aus dem Fenster gesprungen war, sich leicht verletzt hatte und ein Kollege ihn deswegen sofort zum Arzt gefahren hatte. «Niemand sonst war verletzt oder vermisst, das war in den ersten zwanzig Minuten die wichtigste Nachricht», sagen beide Brüder. In den folgenden sechzehn Stunden bangten sie um die Produktionsanlagen.

Erste Sofortmassnahmen

Der spektakuläre Brand schaffte es auch in kürzester Zeit in die Onlinemedien – von dort erfuhr es auch Stephan Koller, Direktionsschadeninspektor der AXA Winterthur, der gleich zum Telefonhörer griff, die Brüder Mühlematter kontaktierte, sein Kommen für den nächsten Tag zusicherte und die erste Sofortmassnahme vorbereitete: das Aufgebot einer spezialisierten Reinigungsfirma, um die wertvollen Maschinen vor dem ausgetretenen Chlorid zu schützen. «Diese Gase entstehen, wenn PVC verbrennt, und sie bringen Stahl innert weniger Stunden zum Rosten. Werden die Maschinen nicht sofort konserviert, werden sie regelrecht von der Korrosion zerstört», weiss Stephan Koller aus seiner langjährigen Erfahrung.

«Diese Gase entstehen, wenn PVC verbrennt und sie bringen Stahl innert weniger Stunden zum Rosten.»

Stephan Koller, Direktionsschadeninspektor der AXA Winterthur.

Erst am Morgen nach dem Brand wurden die vollen Ausmasse des Unglücks sichtbar. Ein grosses Stück der Kellerdecke war beschädigt, die Maschinen defekt und verschmutzt, das Materiallager völlig ausgebrannt, alle Kabel und Leitungen geschmolzen und die Einrichtung in Schutt und Asche gelegt. «Wir haben trotzdem nicht eine Sekunde daran gedacht, den Betrieb zu schliessen», sagt Ulrich Mühlematter. Es ging nur um die Frage «Wie weiter?» und nicht «Ob weiter».

Grosse Hilfsbereitschaft

Und dann rollte eine Welle der Hilfsbereitschaft auf die Patrons zu: Die Reinigungsfirma rettete die Maschinen. Ein Care-Team kümmerte sich um die teilweise unter Schock stehenden Mitarbeitenden. Stephan Koller organisierte ein Schadenmanagement zur Unterstützung und veranlasste eine Akontozahlungder Versicherung, mit der neues Materialbestellt werden konnte. Nachbarn stellten Gebäude als Zwischenlager und für ein provisorisches Büro zur Verfügung. Mitarbeitende packten überall an, wo es nötig war – auch wenn es noch so stank. «Von allen Seiten spürten wir die Unterstützung, das war wirklich unglaublich, und das ist tatsächlich eine positive Erfahrung, die wir dem Brand abgewinnen können», sagt Heinz Mühlematter.

Nach drei Monaten lief die Produktion in der Glütschbachstrasse in Uetendorf wieder. Hätte jedoch das Chlorid die Maschinen zerstört, mit denen Rotor Lips die speziellen Motoren für ihre Küchengeräte herstellt, wäre deutlich mehr Zeit vergangen. «Unsere Motoren müssen ganz besonders leistungsstark und zuverlässig sein, daher stellen wir sie auch selber her, denn das kann sonst keiner so wie wir», erklärt Heinz Mühlematter, und er will sich nicht ausmalen, wie sie die Folgen des Brandes ohne diese wichtigen Produktionsmittel hätten bewältigen sollen. Denn nach ziemlich genau einem Jahr war der Umsatz wieder auf dem Niveau wie vor dem Unglück. Beim Wiederaufbau der Halle wurden die Produktionseinrichtungen neu angeordnet und einige Prozesse optimiert. Die Belegschaft redet noch heute von dem Unglück und dem Neustart. «So etwas schweisst zusammen», sind die Brüder Mühlematter überzeugt.

(Originaltext erschienen in “Meine Firma”, dem KMU-Kundenmagazin der AXA Winterthur)

 

Meine Firma

Im Jahr 2004 fusionierten die beiden Firmen Rotor (gegründet 1943) und Lips (gegründet 1880) zur heutigen Rotor Lips AG unter dem Dach der Rotag Holding, die im Besitz der Familie Mühlematter ist. Im beschaulichen Uetendorf bei Thun stellt Rotor Lips mit über 40 Angestellten hochwertige Küchenmaschinen, hauptsächlich für Gastronomiebetriebe, her. Vertrieben werden die Geräte primär in der Schweiz und im europäischen Ausland.

www.rotorlips.ch

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