Kompetenz

Das Auto der Zukunft denkt und lenkt – allein

Der Traum vom selbstfahrenden Auto wird Realität; die Technik ist bald ausgereift. Zeitgleich müssen Lösungen zu Fragen des Rechts, der Haftung, des Datenschutzes und der Ethik gefunden werden.

Es ist eine automobile Revolution. Auf die Anfrage von Google, wie computergesteuerte Autos ohne Lenkräder und Pedale zu beurteilen seien, antwortete die US-Verkehrssicherheitsbehörde (NHTSA): «Wenn kein menschlicher Insasse das Fahrzeug fahren kann, ist es sinnvoller, das als Fahrer anzuerkennen, was auch immer es fährt.» Was nichts anderes heisst als: Der Fahrer kann auch ein Computer sein. Und kein Mensch muss ihn kontrollieren.

Dies ist der erste Schritt zum vollautonomen Fahren, bei dem Menschen zu Passagieren werden und nicht mehr eingreifen können. Bis dahin, müssten aber noch viele Verkehrsgesetze geändert werden, stellte die NHTSA zugleich fest. Ähnlich sieht es beim Wiener Übereinkommen über den Straßenverkehr von 1968 aus, mit dem die aktuell 73 Vertragsstaaten den Verkehr untereinander standardisieren. Auch dort wurden kürzlich Systeme zum autonomen Fahren zugelassen. Allerdings nur, solange der Fahrer noch eingreifen kann. Ein Auto ganz ohne Pedale und Lenkrad wäre damit noch nicht möglich.

Auf 423’000 Meilen Teststrecke mussten echte Fahrer 341-mal eingreifen, um einen Crash zu verhindern.

Während dessen lässt Google seine Driverless Cars bereits mit einer Ausnahmeregelung in Kalifornien, Texas und Washington testen. Sie dürfen aber nur mit echten Fahrern an Bord auf die Strassen. Nicht zu Unrecht, denn die mussten auf 423’000 Meilen Teststrecke insgesamt 341-mal eingreifen, um einen Crash zu verhindern. Allerdings waren 272 Vorfälle systembedingt, sprich: die Technik funktionierte nicht einwandfrei. Aber 69-mal musste ein Fahrer eingreifen, um eine folgenschwere Entscheidung des Autos zu übersteuern. Google analysierte die Vorfälle und stellte fest, dass 13 von den 69 Entscheidungen wirklich zu einem Unfall geführt hätten. Umgerechnet ist das ein Unfall auf 32’000 Testmeilen. Doch selbst das ist ein schlechterer Wert als mit Menschen am Steuer. Die sind gemäss dem Virginia Tech Transportation Institute im Schnitt 238’000 Meilen mit dem Auto unterwegs, bis sie einen Unfall haben.

Wenn es kracht, ist die Ursache fast immer menschliches Versagen. Im Jahr 2008 untersuchte das US Department of Transportation 6950 Autounfälle: Volle 93 Prozent davon waren auf Trunkenheit, Übermüdung, Panik, Überschätzung oder Konzentrationsfehler zurückzuführen – alles Ursachen, die es bei einem Roboterauto nie geben würde. Könnten allein diese Unfälle in den USA vermieden werden, liessen sich Unfallkosten in Höhe von 200 bis 400 Milliarden Dollar sparen.

«Weniger schwere Unfälle»

Matthias Rüegg, Leiter Privatkundengeschäft bei der AXA Winterthur, über die Folgen der technologischen Entwicklungen in der Automobilindustrie.

Herr Rüegg, braucht ein computergesteuertes Auto überhaupt noch eine Haftpflichtversicherung?

Eine Versicherung, die für Schäden aufkommt und die Opfer respektive deren Ansprüch schützt, braucht es in jedem Fall auch in Zukunft.

Auch wenn es kein Pedal mehr gibt, mit dem der Fahrer bremsen könnte?

Das ist Zukunftsmusik. Wir rechnen ab 2020 mit teilautonomen Systemen, mit denen das Auto etwa allein im Stau fahren kann, der Fahrer aber nach wie vor die Kontrolle hat oder seine Einwilligung dazu gibt. Pedale und Steuer wird es dann immer noch geben.

Und wenn diese irgendwann dann doch wegfallen? Wer könnte dann haften?

Durch die Technologie fürs autonome Fahren wird es Veränderungen geben. Wir gehen aber davon aus, dass die Halterhaftung mittelfristig dominierend bleibt.

Auch wenn das Auto einen Unfall verursacht?

Die heutigen Systeme sind nur Assistenten, deshalb haftet noch der Fahrer. Bei vollautonomen Systemen ist die Frage, ob auf die Autohersteller oder die Systemzulieferer zurückgegriffen werden kann. Das ist noch ungeklärt. Ich könnte mir je nach Unfall eine Mischvariante vorstellen, bei der die Haftung zwischen Halter und Hersteller oder Systemanbieter aufgeteilt wird.

Werden sich Assistenz- und Fahrsysteme auf die Unfallzahlen auswirken?

Wir gehen davon aus, dass es durch neue Technologien weniger und vor allem weniger schwere Unfälle mit Personenschäden gibt. Das wird Druck auf die Prämien ausüben.

 Über Unfallursachen wissen Sie am besten Bescheid. Hilft die Technologie dabei?

Ja, aber natürlich nicht nur uns. Die daraus gewonnen Daten nutzen natürlich auch die Autohersteller und andere Player wie Google, um ihre Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Das ist absolut legitim. Da sich deshalb viele Anbieter in diesem Feld bewegen ist es wichtig, dass wir für unsere Endkunden weiterhin eine hohe Relevanz haben und Mehrleistungen anbieten. Der Weg über innovative Produktlösungen, herausragende Beratung und strategische Kooperationen mit ausgewählten Partnern ist deshalb zentral.

 

Die Idee des selbstfahrenden Autos ist ein Traum, der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts im US-Magazin «Scientific American» formuliert wurde – da war das Auto gerade 30 Jahre alt. Den Startschuss gab das US-Militär dann im Jahr 2004 mit einem Wettbewerb für selbstfahrende Autos. Doch keines der 15 Roboterfahrzeuge schaffte den Parcours durch die Mojave-Wüste. Erst im folgenden Jahr war das Team der University Stanford mit dem VW Touareg «Stanley» unter Leitung von Sebastian Thrun erfolgreich – dem heutigen Leiter des Google-Car-Projekts.

Nicht nur Google testet schon lange solche Autos und hat ein Patent angemeldet. Auch etablierte Hersteller wie Volvo, Mercedes, BMW, Ford, Tesla, Nissan und Audi forschen intensiv. Jaguar will zehn Millionen Euro investieren, damit sich fahrerlose Autos zugleich menschlich verhalten: So sollen kleinere Regelverstösse erlaubt sein, damit der Verkehrsfluss beschleunigt wird und Unfälle vermieden werden.

Die technische Herausforderung des autonomen Fahrens liegt in der Fülle der äusseren Einflüsse. Schon vor zehn Jahren war es möglich, ein per GPS-Signal gesteuertes Auto eine vordefinierte Strecke autonom fahren zu lassen. Dabei durfte jedoch kein Hindernis im Weg sein. Erst durch Assistenzsysteme wie Kameras, Ultraschall, Laser- und Radarsensoren kann ein Auto Aktivitäten auf der Strecke registrieren. Zudem braucht das Auto digitale Karten im Navigationssystem, damit es schon vor uneinsichtigen Kurven bremsbereit sein kann. Erst mit GPS, Sensoren und HD-Karten kann ein Auto allein fahren.

Die Technik dafür hat sich rapide entwickelt. Der Parksensor piepst und warnt nur. Der Parkassistent lenkt schon selbst in die Lücke – sogenanntes teilautonomes Fahren. Der nächste Schritt ist das vom Menschen überwachte hochautonome Fahren im Stop-and-Go-Verkehr, wie es Luxuslimousinen schon können. Der letzte Schritt ist das vollautonome Fahren – der Fahrer muss nicht mehr eingreifen.

Genau dort fangen die neuen Fragen an: Wer haftet, wenn der Mensch im Auto nicht lenkt und bremst und das selbstfahrende Auto doch einen Unfall verursacht? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Halter des Fahrzeugs oder der Hersteller. Dabei kommt es darauf an, ob der Fahrer noch Kontrolle über das Fahrzeug haben kann oder mangels Pedalen gar nicht eingreifen kann. Volvo geht in dieser Frage am progressivsten voran, denn ab 2020 soll kein Mensch mehr in einem oder durch einen Volvo sterben. Der Autobauer will für alle Unfälle und Schäden haften, die durch seine Selbstfahrsysteme verursacht werden.

Ab 2020 soll kein Mensch mehr in einem oder durch einen Volvo sterben.

Nebst der Haftungsfrage tun sich auch ethische Abgründe auf. Denn es sind Situationen denkbar, in denen selbst das vollautomatisierte Auto einen Unfall nicht verhindern kann, und dann sollte es den geringstmöglichen Schaden verursachen, zum Beispiel in andere Autos statt in eine Menschengruppe hineinschleudern. Und wenn es unumgänglich ist, dass Menschen getroffen werden, muss der Computer wissen, auf welche Körper er schleudern soll. Ein Mensch reagiert in solchen Situationen instinktiv, aber ein Computer muss dafür programmiert werden. Aber wer will und kann einem Computer befehlen: «Wenn, dann verletze den ältesten Menschen einer Gruppe (oder die männlichen Geschlechts, oder, oder …)»? Vermutlich ist dies die grösste Herausforderung für die Erfinder der künstlichen Intelligenz: das fahrend-lernende Auto zu entwickeln.

Darüber hinaus wirft die autonome Autowelt auch neue Fragen zum Datenschutz auf. Das Auto weiss, wohin sein Besitzer fährt und gefahren ist, aber deshalb darf der Hersteller personenbezogene Daten nicht auch automatisch sehen und nutzen. Ebenso wenig die Polizei und der Versicherer.

Recht, Haftung, Datenschutz und Ethik sind die künftigen Themen des autonomen Fahrens. Teilautonom fahren wir schon heute, hochautonome Technik wird sich ab 2020 verbreiten und das steuer- und pedallose Auto können sich Experten ab 2030 vorstellen. Bei aller anfänglicher Skepsis wächst die Zustimmung für autonome Autos bei Fahrern, besonders bei Pendlern, die täglich im Stau stehen, und sich  gerne ein car-office einrichten würden. Für echte Auto-Enthusiasten wird das aber kein Thema werden. Wer sein Auto liebt und spüren will, wird das Steuer nie aus der Hand geben.

3 Kommentare

  • Stefan

    "Wer sein Auto liebt und spüren will, wird das Steuer nie aus der Hand geben."

    Will Smith - i,ROBOT - verschiedene Szenen (Auto und Motorrad)

    ;-)

  • Christina Guggisberg

    Auffällig ist, dass bei den aufregenden Entwicklungen das Urkonzept des Autos mit seinem überaus hohen Ressourcenverbrauch in Form von Boden und Umweltbelastung (Boden, Luft, Lärm) nicht einer Überprüfung unterzogen wird. Es bleibt das Symbol einer individuellen Freiheit, die so ja gar nicht mehr gelebt werden kann. Das individuelle Auto als Sinnbild für die Mobilität (die anscheinend die Freiheit bedeutet) hat m.E. ausgedient. Es taugt schlicht mehr. Deshalb sollte man statt an der immer ausgefeilteren (Auto)Technik grundlegend denken und sich bewusst machen, was unsere Gesellschaft und jede einzelne sich unter Mobilität genau vorstellt, ob eine solche überhaupt wünschenswert und langfristig durchhaltbar ist. Meine persönliche Meinung ist nein. Es ist nicht möglich, unseren heutigen Lebensstyl in Bezug auf Mobilität langfristig aufrecht zu erhalten. Allein schon in Anbetracht der zunehmenden Massen, die das wollen. Das heutige System wird zum Stillstand führen, was auch nicht das Schlechteste wäre. Wie viele Leute kennen ihre ganz unmittelbare Umgebung nicht! Sind aber schon in alle Weltteile gereist.

  • Theo Obrist

    Unsere Forscher, welche Milliarden von Fr. verschleudern schaffen es, dass in der Zukunft ein Fünftel oder Viertel weniger Arbeitskräfte gebraucht werden, wir werden zum Nichtstun verdammt, und das Lenken eines Autos wird uns auch noch genommen.
    Wann merkt der Menschheit, oder mindestens den Normaldenkenden Teil davon endlich, dass wir direkt auf eine Katastrophe zusteuern, gelenkt durch angeblich hochintelligente Menschen, die Techniken erfinden die den Mensch überflüssig machen, oder mindestens einen grossen Teil davon, was bringt uns das?

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